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Opfer im Visier: Victim Blaming

„Wenn du mit dieser Kleidung rausgehst, brauchst du dich nicht wundern.“

„Womit hast du denn gerechnet, wenn du dich so benimmst?“ 

„Hast du denn laut und deutlich „nein“ gesagt?“

Betroffene sexualisierter Gewalt, insbesondere Frauen, hören solche Kommentare öfter als man vermutet. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um verbale oder körperliche Übergriffe handelt – die Betroffenen werden aufgrund ihrer Art und Weise, wie sie sich kleiden, wo sie sich aufhalten oder wie sie mit den Täter*innen umgegangen sind, beschuldigt, die Übergriffe selbst provoziert zu haben.

Diese Täter-Opfer-Umkehr wird als Victim Blaming bezeichnet. Es ist ein soziales Phänomen, bei dem die Opfer von Verbrechen verantwortlich gemacht werden, anstatt den Fokus auf die Täter*innen oder die zugrunde liegenden strukturellen Probleme zu legen.  Dabei geschieht die Umkehrung der Täter-Opfer-Rollen oft durch Dritte, die Zweifel daran haben, ob die Betroffenen tatsächlich unschuldig sind oder sogar eine Teilschuld an der Tat tragen. Diejenigen, die Victim Blaming betreiben, tun dies meist aufgrund einer eigenen Angst, dass so etwas ihnen selbst auch passieren könnte – „Ich muss mich nur richtig verhalten, dann passiert mir so etwas nicht.“

Victim Blaming ist besonders im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt stark verbreitet und problematisch. Wird eine Frau ein Opfer eines sexuellen Übergriffs, wird sie in den häufigsten Fällen mit der Frage konfrontiert, was sie denn angehabt hat. Mit dieser Frage wird die Verantwortung unterschwellig auf das Opfer übertragen. Die implizierte Botschaft lautet, dass der Übergriff nicht stattgefunden hätte, wenn das Opfer nicht bestimmte Kleidungsstücke getragen hätte, wie beispielsweise eine Hose anstatt eines Kleides. Nach dieser Logik ist das Opfer selbst schuld, während der*die Täter*innen von der Verantwortung entlastet werden. Solche Fragen werden jedoch nicht nur von Familienmitgliedern oder anderen Dritten gestellt, sondern teilweise sogar von der Polizei. Dies führt dazu, dass viele Fälle erst gar nicht zur Anzeige gebracht werden. Die Opfer haben Angst, nicht ernst genommen zu werden und weitere Schuld zuweisende Kommentare zu hören. Zusätzlich dazu zögern viele Opfer nicht nur aus Angst vor einer Anzeige, sondern auch aus Unsicherheit, ob ihnen wirklich Unrecht widerfahren ist. Sie beginnen an sich selbst zu zweifeln und fragen sich, ob sie tatsächlich etwas an sich haben, das die Täter*innen provoziert hat und somit selbst schuld sind. Jedoch tritt Victim Blaming nicht nur im Kontext sexueller Gewalt auf, sondern auch in anderen Bereichen. Ein Beispiel dafür ist Mobbing, bei dem aggressives Verhalten von Täter*innen gegenüber den Opfern vorherrscht. Oft sind die Betroffenen körperlich und sozial den Mobbern unterlegen. Sie sind möglicherweise zurückhaltender und haben weniger soziale Bindungen als ihre Peiniger, was es ihnen schwer macht, sich zu verteidigen oder aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Die Täter*innen erhalten durch ihre Handlungen oft einen sozialen Aufschwung und belästigen die Opfer über einen langen Zeitraum hinweg. In solchen Fällen wird den Betroffenen von Mobbing oft die Verantwortung für ihre unglücklichen Umstände zugeschrieben. Es wird argumentiert, dass sie sich anders hätten verhalten können und dass ihr eigenes Verhalten die Angriffe provoziert hätte. Ein weiteres Beispiel für Victim Blaming findet sich bei häuslicher Gewalt. Wenn ein Partner den anderen schlägt, versucht der*die Täter*in oft, die Schuld dem Opfer zuzuschreiben und die Täter-Opfer-Dynamik umzukehren. Sie rechtfertigen ihre gewalttätigen Handlungen, indem sie dem Betroffenen die Schuld zuschieben. So wird beispielsweise argumentiert, dass das Opfer den Peiniger provoziert oder die Gewalt durch sein Verhalten verursacht habe. 

Die Ursachen von Victim Blaming sind sehr weitreichend. Einer davon ist der Glaube an eine gerechte Welt, in der jeder bekommt, was er verdient. Opfern wird somit eine Mitschuld zugeschrieben, um den Glauben an eine gerechte Welt aufrecht zu erhalten. Auch Mythen über sexuelle Übergriffe und deren Akzeptanz spielen eine Rolle. Diese falschen Vorstellungen dienen der Leugnung, Rechtfertigung oder Verharmlosung von sexueller Gewalt. Zudem beeinflussen Geschlechterrollen, Stereotype und Sexismus das Victim Blaming. Frauen, die den traditionellen Rollenideal widersprechen, erfahren häufiger Opferbeschuldigung. Sexismus gegenüber beiden Geschlechtern trägt zur Aufrechterhaltung von Mythen bei. 

Ein Bild, das Text, Person, Kleidung, Menschliches Gesicht enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Zuletzt konnte man eine große Welle von Victim Blaming bei der Thematik Rammstein erleben. Was ist passiert? Mitarbeiter*innen des Rammstein-Sängers Till Lindemann sollen Frauen vor sowie nach den Konzerten auf Partys eingeladen haben. Zahlreiche Frauen, die auf diesen Partys waren, berichten jedoch, dass es sich nicht um gewöhnliche Feiern handelt. Es wurde berichtet, dass die Frauen eingeladen wurden, damit Lindemann sich eine Frau aussuchen und mit dieser Geschlechtsverkehr haben kann. Dies wurde jedoch zu keinem Zeitpunkt erwähnt. Dabei berichten die Betroffenen, dass sie einige Erinnerungslücken haben und vermuten daher, dass sie gegen ihren Willen Drogen verabreicht bekommen haben. Dies solle dazu führen, dass sich die Frauen gegen den Geschlechtsverkehr mit dem Sänger nicht wehren, da sie durch die Drogen wie bewusstlos sind. Die Betroffenen berichten, dass sie starke Verletzungen wie Abdruckmale oder vaginale Blutungen an ihrem Körper wahrnehmen, wenn sie wieder zu Bewusstsein kamen. Aufgrund dieser Vorwürfen gegen Till Lindemann kam es auf Social Media Plattformen wie Instagram, Twitter und Co. zu schweren Anschuldigungen gegenüber den betroffenen Frauen. Dabei geht es im Konkreten um Beleidigung, Verleumdung, Faken von Chats oder auch (Mord-)Drohungen. Den Frauen wird vorgeworfen, sie würden die Anschuldigungen erheben, um damit Aufmerksamkeit zu generieren und ihre eigene Reichweite zu erhöhen. Zudem wird behauptet das die Opfer selbst daran schuld sind was mit ihnen passiert ist, da sie so naiv waren auf die Partys zu gehen und den dort ausgeschenkten Alkohol zu trinken. Was kann man also tun, um sich gegen Victim Blaming stark zu machen

  • Sensibilisieren und Aufklären: Informiere dich über Victim Blaming und teile dein Wissen mit anderen.
  • Opfer unterstützen: Zeige Mitgefühl und Empathie für die Betroffenen. Höre ihnen zu, glaube ihnen und ermutige sie, ihre Erfahrungen zu teilen. 
  • Verantwortung des Täters betonen: Mache deutlich, dass die Verantwortung für den Übergriff immer bei dem Täter liegt. Richte den Fokus auf die Handlungen des Täters und nicht auf das Verhalten oder die Kleidung des Opfers.
  • Bewusstsein schaffen: Engagiere dich in der Öffentlichkeit, in sozialen Meiden oder in lokalen Gemeinschaften, um das Bewusstsein für Victim Blaming zu schaffen. Teile Geschichten von Betroffenen und trage zur Beseitigung von Vorurteilen bei.
  • Gesetze und Richtlinien: Setze dich ein, dass die Rechte der Opfer geschützt werden. Fordere, dass Strafverfolgungsbehörden und Institutionen Victim Blaming ernst nehmen und angemessen reagieren.
  • Professionelle Hilfe unterstützen: Unterstütze Organisationen und Hilfsangebote, die Opfern von Gewalt und Missbrauch helfen. Spende Zeit, Geld oder Ressourcen, um sicherzustellen, dass Opfer die nötige Unterstützung bekommen.

Zusammenfassend ist es wichtig, dass wir das Problem des Victim Blaming als Gesellschaft angehen und eine Kultur des Respekts, der Empathie und der Solidarität fördern. Gemeinsam verschaffen wir den Opfer von Gewalt gehör und schaffen eine gerechtere Welt, in der sie ohne Angst vor Schuldzuweisungen leben können.

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