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Die ganze Welt schaut zu/weg – Frauenrechte in Katar

Korruption, massive Menschenrechtsverletzungen, moderne Sklaverei, extreme Umweltverschmutzung, Zensur und möglicherweise die Unterstützung von Terrorgruppen. Die Liste der Kritikpunkte zur Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2022 in Katar ist lang. Die Veranstaltung in diesem kleinen Land auf der arabischen Halbinsel steht deswegen seit der Vergabe im Dezember 2010 stark in der Kritik. Unter anderen Teil der Diskussion: Frauenrechte. 

Katar liegt an der Ostküste der arabischen Halbinsel und ist mit seinen 11.571 km² um einiges kleiner als Schleswig-Holstein. Der Staat wird seit 2013 von Emir Tamim bin Hamad Al Thani regiert. Das Staatsoberhaupt wird in Katar nicht demokratisch gewählt, sondern entstammt seit dem 19. Jahrhundert immer aus der monarchistisch regierenden Al Thani Dynastie. Diese Familie bestimmt also maßgeblich, welche Gesetze in Katar gelten und wie sehr sich das Land modernen, westlichen Werten und Umgangsformen öffnet. Beim Thema Frauenrechte bestehen dabei teilweise noch mittelalterliche Regeln. Auch wenn das Land versucht ein anderes Bild der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, gelten Frauen in Katar de facto als Menschen zweiter Klasse. 

Trotz einiger Reformen, wie der Einführung des Frauenwahlrechts oder der Öffnung von Universitäten, werden Frauen hier immer noch durch zahlreiche kulturelle Zwänge und klar diskriminierende Gesetze eingeschränkt. So wird ihnen „empfohlen“, bei ihrer Kleidung auf das Zeigen von zu viel Haut oder ihren Haaren zu verzichten, das Tragen von Kopftuch oder Burka ist gesellschaftlich vielerorts Standard. 

„Vergleich mal: Vor dir liegt eine unverpackte Süßigkeit. Du weißt nicht, ob sie jemand berührt oder reingebissen hat. Und eine verpackte. Welche nimmst du?“

Katarischer Scheich in der ZDF-Doku „Geheimsache Katar“ über die Vollverschleierung von Frauen

Ganz klare Diskriminierung erfahren Frauen durch das System der männlichen Vormundschaft. Die väterliche Vormundschaft endet zwar offiziell sowohl für Männer als auch Frauen ab dem 18. Geburtstag, in der Realität benötigen Frauen aber auch darüber hinaus die Erlaubnis ihres Vaters, Bruders oder Mannes für das Annehmen eines Jobs, das Reisen in andere Länder oder sportliche Aktivitäten, so die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen. Teilweise ist Ihnen nicht mal das Verlassen des Hauses ohne männliche Zustimmung erlaubt. 

Selbst bei Vergewaltigungen werden Frauen durch die katarische Gesetzgebung diskriminiert. So berichtete unter anderen der Spiegel 2021 über eine mexikanische Touristin, welche einen Bekannten aufgrund einer Vergewaltigung in Katar anzeigte. Daraufhin geriet allerdings nicht nur der Täter, sondern auch die junge Mexikanerin ins Auge der Behörden. Ihr drohte eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren sowie 100 Peitschenhiebe, da selbst eine Vergewaltigung in Katar als außerehelicher Geschlechtsverkehr zählt und damit für die Frau als strafbare Handlung. Nur aufgrund internationalen Druckes und weil es sich um eine mexikanische Staatsbürgerin handelte, ließ das Gericht das Verfahren fallen. Wie viele katarische Frauen seit Jahrzehnten nach diesem unfassbar diskriminierenden und unverständlichen Gesetz verurteilt werden, bleibt dabei im Dunkeln. Es ist aber davon auszugehen, dass aus Angst vor einem solchen Verfahren die meisten Vergewaltigungen in Katar niemals angezeigt werden. 

Zur Zeit der Vergabe 2010, sowie in den letzten zwei Jahren vor der Weltmeisterschaft, hat der Golfstaat immer wieder versucht sich modern darzustellen. So wurde im Vorfeld der Bewerbung zur WM eine Frauennationalmannschaft gegründet und eine Förderung des Frauensports im Land angekündigt. Viel ist seitdem nicht passiert, seit 2014 hat die katarische Fußballnationalmannschaft der Frauen kein einziges Spiel mehr durchgeführt, steht dadurch nicht einmal mehr in der FIFA-Weltrangliste. Einer der zahlreichen Gründe: Väter lassen ihre Töchter nicht für Begegnungen der Nationalmannschaft antreten, da diese Spiele gefilmt werden.

Eine der häufigsten Argumente für die Vergabe diese WM ist der angebliche positive Effekt, den ein Event unter den Augen der internationalen Gemeinschaft auf ein Land haben soll. Doch diese Aussage ist eher zweifelhaft, insbesondere schaut man auf die Entwicklungen in Russland nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2018, oder in China nach der Durchführung der Olympischen Sommerspiele 2008. Auch hierbei kam es, wenn auch in geringerer Form, zu Kritik an der Vergabe aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in den jeweiligen Ländern. Geändert hat sich durch die Veranstaltungen nichts.  Für viele Fußballfans ist die Austragung der WM 2022 in Katar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Laut einer Studie von infratest dimap werden 56% der Menschen in Deutschland diese Weltmeisterschaft kaum verfolgen. Wer trotzdem Lust auf Fußball im November und Dezember hat, für den gibt es direkt vor Ort Alternativen. Neben dem Männerfußball unterhalb der 3. Liga spielen auch sämtliche Frauenteams bis kurz vor Weihnachten weiter. Im modernen Deutschland ist Frauenfußball schließlich schon ewig Tradition. Also jedenfalls seit 1970, davor war dies nämlich verboten.

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