Angsträume. Begründete FURCHT oder einfach ein FURCHTbares Frauenbild?

Der leere Park am Abend, die verlassene Unterführung oder dunkle Tiefgarage. Was lösen diese Orte bei dir aus, wenn du dir vorstellst, dass du hier alleine entlangläufst? Vielleicht ein gewisses Unbehagen, Herzklopfen, Panik? Zumindest wirst du vermutlich keine positiven Emotionen damit verbinden.

Was haben diese Plätze nur an sich, dass sie uns so eine Unsicherheit geben? Passieren hier tatsächlich häufiger Übergriffe und Belästigungen?

Zuerst einmal sind diese ganzen Orte alle sogenannte „Angsträume“. Das heißt es sind subjektiv wahrgenommene Räume, die erst durch bestimmte Merkmale von einem „normalen“ Raum zum Angstraum werden.

Und jetzt denkt noch einmal an euren ganz persönlichen Angstraum. Wie sieht er aus? Ist diese Stelle sehr unübersichtlich, schlecht beleuchtet, gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten und ist eher unbelebt? Und wie sieht es mit der Tageszeit aus? Wann befindest du dich meistens in diesem Angstraum? Eher Frühs in der Dämmerung und nachts auf dem Heimweg?

In diesen Punkten könnte bereits der Grund für dein Unwohlsein lauern. Denn es steht hier nicht die tatsächlich vorhandene Bedrohung im Vordergrund. In der Regel geschehen an solchen Orten nicht mehr Verbrechen als an anderen. Deine Wahrnehmung von Gefährdungen steht der tatsächlichen Gefahrenlage entgegen.

Fakt ist, die meisten Übergriffe auf Frauen finden nicht in diesen Angsträumen statt, sondern im sozialen Nahraum. Der Ort, den wir doch eigentlich alle für am sichersten halten.

Rund zwei Drittel aller Gewalttaten gegen Frauen finden im privaten Raum statt. [1]

Doch es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass wir an diesen Orten Furcht verspüren. Unser Angstempfinden rührt oft davon, mit welchen Bildern wir im Laufe der Zeit gefüttert werden.

Was glaubt ihr? Wo finden in Krimifilmen und Thrillerserien die meisten Übergriffe statt? Ja, eben in diesen dunklen Parks, Unterführungen, düsteren Waldwegen und Tiefgaragen. Dabei ist es egal ob es eine US-Produktion ist oder in Deutschland spielt. Wir verinnerlichen diese Bilder unterbewusst und es entsteht der Gedanke: „Ok, da muss ich jetzt Angst haben“.

„Die Dunkelheit an sich ist nicht gefährlich, sie tut einem nichts.“ (Jasmin Mühlberger)

Natürlich heißt das heißt nicht, dass die Angst in diesen Räumen somit völlig unbegründet ist und dass die Frauen einfach selbst schuld sind, dass sie dort Angst haben.

Es muss vielmehr deutlich gemacht werden, dass zahlenmäßig weniger Übergriffe an diesen Orten passieren, sondern die Mehrheit tatsächlich im häuslichen Umfeld stattfinden. Allerdings fühlen sich hier die meisten Frauen quasi von vornherein sicher.

Das ganze Konstrukt ist dabei auch sehr eng mit einem anderen Bild verbunden, das ebenfalls in Filmen und Serien transportiert wird: Wenn es zu einem Übergriff kommt, ist die Frau so gut wie immer dem Täter unterlegen. Diese Annahme hat sich stark etabliert und ist ebenso schwer wieder abzuschütteln. Kaum eine Frau setzt sich deutlich zu wehr, verteidigt sich, gibt mal ordentlich kontra oder zeigt den Männern wo es langgeht. Somit verfestigt sich auch hier der Gedanke: „In so einer Situation hab‘ ich nie auch nur eine Chance.“

Was meint ihr, wie wär’s denn zur Abwechslung mal mit einem überlegenen, dominanten Frauenbild?

Verrückt, ich weiß.

Immerhin gibt es städteplanerische Maßnahmen zur Vermeidung von Entstehung von Angsträumen. Das Einrichten von Frauenparkplätzen und die Ausleuchtung dunkler Passagen sind gut gemeinte Aktionen der Städte um das Sicherheitsgefühl zu steigern, jedoch wird auf diese Weise nicht die Ursache für die eigentliche Entstehung der Angsträume angegangen.

Solange in Filmen und Serien weiterhin suggeriert wird, dass die schwache und unterlegene Frau hinter jeder düsteren Ecke überfallen und belästigt wird, wird dieses Bild auch weiterhin in den Köpfen verwurzelt sein.

Kurzgesagt: Wir brauchen mehr Superwoman und mal weniger Superman.

[1] Ruhne, Renate (2011): Raum, Macht, Geschlecht. Zur Soziologie eines Wirkungsgefüges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im öffentlichen Raum. 2. Aufl. Wiesbaden: VS-Verl.